Gastbeitrag von Leser „Hirsch“: Wohin gehört ein Schlöbberla?

Schlöbberla mit Spiegelau-Verkostungsglas und SeidlaskrugMitunter  bieten mir Bierfranken-Leser für meinen Blog Gastbeiträge an. Da diese meist werblich sind, habe ich sie bisher immer abgelehnt. Aber was mir Leser „Hirsch“ geschickt hat, habe ich nicht nur mit großer Kurzweil gelesen, sondern halte das absolut für bierfrankenrelevant. Viel Spaß also bei der Lektüre zum Thema Bierglasgericht! 

„Schon länger beschäftigt mich die Frage, welches Bier aus welchem Glas getrunken bzw. verkostet werden soll. Geht mir etwas durch die Lappen, wenn ich ein neues Bier, ob „Bauernbier“ oder IPA, nicht brav aus dem Teku-Kelch probiere? Ich wollte die Frage am konkreten Beispiel in einem A-B-Vergleich angehen. Die Aufgabenstellung lautet: Wohin gehört ein Schlöbberla?

Beim Schlöbberla handelt es sich um ein verhältnismäßig neues Bier vom Greif Bräu in Forchheim, das auf dem Etikett einen den Bierflaschenbetrachter wissend anzwinkernden Seppelhut-Träger abbildet, der seine, tja, Schlöbbm in einen altertümlichen Glaskrug hängt. Sein uns verschmitzt anguckendes Auge soll uns versichern, dass man es hier mit einem prima Bier aus einer längst vergangenen Zeit zu tun hat. Jaja: Das Bier war noch dunkel, die Deandln sittsam, und über den Rest wachte das Königlich Bayerische Amtsgericht. (Um die in den 70er Jahren so populäre Lederhosen-Gerichtsserie des BR zu zitieren.) Aber ist der Bestimmungsort eines Schlöbberla der gläserne Schlöbberkrug des Frankenseppel? Oder verkostet man so ein Bier in etwas Besserem?

Das Bierglasgericht wird darüber entscheiden.

Vorgeladen sind: zwei FlasSeidlasglas Bayrisch Löwenbräu Naila vor FeTAp 82 der Deutschen Bundespostchen Greif Schlöbberla, ein American Wheat Beer Glas from the Spiegelau Craft Beer Tasting Kit-Schachtel, und ein gläsernes Seidleskrügla, ähnlich dem, das mit dem Schlöbbermann abgebildet ist. Nur stand mein Verkostungskrug einst im Dienst der längst untergegangenen „Bayrisch Löwenbräu Naila“, einer seinerzeit eher größeren Exportbierbrauerei.

Warum man damals unbedingt „bayrisch“ sein musste, im nördlichen, ostzonenangrenzenden Oberfranken, das weiß ich nicht. Vielleicht aus der gleichen Amtsgerichts-Romantik-Motivation heraus: „Bayerisch“ und Seppelhut sind für den Durchschnittskonsumenten offenbar schon immer Projektionsfläche: heimelig, unverstellt, urig, was auch immer.

Wheatbeer-Glas Spiegelau vor FeTAp 82 der Deutschen BundespostUnd warum das Wheat Beer Glas? Nun, es hat die Größe, um locker ein Seidla aufzunehmen und in seinem ausladenden Bauch glänzen und atmen zu lassen. Da kann man vor der Schlöbbm erst einmal die Nase hineinhängen und sich um den Geruch kundig machen lassen. Soll man ja beim Verkosten. So schien mir dieses Dickerchen von all diesen neuen, hauchdünnen Spiegelau-Gläsern das geeignetste für den Test eines fränkisches Lager.

Zudem schwärmt jeder Biersommelier, der etwas auf sich hält, von dünnem Glas mit feiner Kante, das die Aromen über alle vorhandenen Geschmacksknospen laufen lässt. Ein Steinkrug fällt für diese Kenner in die gleiche Kategorie wie ein Sangria-Eimer in der Vinothek. Wobei das Glas der Löwenbräu sogar noch einen dickeren Rand als ein durchschnittlicher Bierkeller-Steinkrug hat. Mal sehen, was das ausmacht. Nebeneinander sehen die beiden Glaskontrahenten nicht nur ganz friedlich aus: Beiden steht das Greif-Bier recht gut, beide geben die Farbe angenehm wieder.

Los geht’s mit der Geruchsprobe: Die Nase tut sich beim Spiegelauer Glas leichter. Was ihr entgegensteigt, ist eine nicht stark ausgeprägte, aber angenehme Blume mit einer warmen, leicht brotigen Malzigkeit und einem erst maischigen, dann leicht krautigen Einschlag. Höchst sympathisch, dieser Geruch. Beim Glaskrügla fällt das Schnuppern tatsächlich schwerer, aus Platzmangel wegen Schaum direkt unter dem Riechgiebel. Das Platzproblem löst sich aber schnell, denn das cremige Krönchen des Schlöbberla behelligt einen in dieser Dicke nicht besonders lange. Stärker und besser wahrnehmbar war der Duft im Spiegelauer Glas aber auch dann noch.

Zweiter Schritt: Der Antrunk. Nun, ob der Lobeshymnen des Herrn Katz bin ich zugegebenermaßen etwas voreingenommen und versuche, sie zu vergessen. Was ich schmecke, ist ein feinmalziges ausgewogenes fränkisches Kellerbier, das mir weder eine aufdringliche Malzsüße noch eine widerwärtige Hopfigkeit entgegenschleudert. Im Mund ist es ein nicht so sehr kompliziertes, will heißen: sehr gut balanciertes, prima trinkbares, ach was, richtig süffiges Dunkles. Mit welchem Glas war das noch gleich erschmeckt? War das nicht eher der Glaskrug? Doch, eher schon…

Denn hier gab es dann doch einen gewaltigen Unterschied, nämlich in der Rezenz: Frisch und süffig kommt das Schlöbberla im Glaskrug daher. Schön weich mit cremigfeiner, genau richtiger Bläschenbildung rollt es über den dicken Rand. Im Wheat Beer-Glas geht es anders zu. Oder heraus. Liegt es an der lasergeschliffene Glaskante, dass einem das Schlöbberla so zackig entgegenläuft? Nämlich mit einem viel stärkeren und härteren CO²-Aufkommen, das mir gar nicht so recht Freude machen will? Ich habe das Gefühl, ich verpasse den Rest vom Geschmack,weil ich so lang an der Kohlensäure herummache. Das ist mir doch tatsächlich zu frisch so.

Keinen klaren Punktsieger gibt es beim Nachtrunk: Er ist feinherb, nicht besonders spezifisch, aber auch nicht unangenehm metallisch. Da ist halt Hopfen in dem Maß, wie er in eine Kellerbier gehört, aber er drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern lässt auch den schönen Malzaromen noch ihren Platz. Er macht die Sache wunderbar rund, und am Ende des Seidla sagt er einem, dass noch ein zweites oder drittes Schlöbberla auch nicht ungelegen käme. Im Spiegelauer Glas hatte dieser Nachtrunk eine ganz leichte Unwucht in Richtung Hopfigkeit. Das dürfte von den größeren „Nasenanteilen“ über dem bauchigen, sich nach oben stark verjüngenden Gefäß kommen.

Zwischenergebnisse und Sachverständigengutachten

Mein erstes Fazit wäre eins zum Schlöbberla. Ein tadelloses dunkles Fränkisches, von dem man sicher mehrere verzehren kann, ohne dass es einem leid oder fad wird.

Punkt zwei: das Glas. Der Schlöbberkrug erfüllt seinen Zweck sehr gut. Für Einsfünfzig plus Porto bei Ebay erstanden (leider kann ich keine nostalgische Geschichte eines alten Nailaer Mütterleins präsentieren, das ihn mir geschenkt hätte) erlaubt er mir, die Farbe meines Bieres sehen, und der eher dicke Trinkrand hat mich beim Schmecken nicht im Geringsten gestört.

Das ist nämlich der Haken am Spiegelauer Glas. Den gar nicht so ausgeprägten Duft des Bieres hat es zwar schön betont, aber die Sache mit der Kohlensäure hat mir nicht so gefallen. Das Edelglas hat mir zu arg die fränkische (und immer noch zeitgemäße) unprätentiöse Gemütlichkeit durcheinandergebracht mit ihrem Zuviel an Perligkeit. Wie kommt’s dazu? Ist der dünne Rand daran schuld?

Wir gehen einen Schritt zurück und betrachten das Ganze noch einmal aus der Perspektive „phantastische Phänomene“ näher: Hält man das Spiegelau-Glas ans Licht, sieht man zwei, drei Perlenkarawanen von verschiedenen Orten des Glasbodens nach oben steigen. Immerzu. Mehr nicht. Im Glashumpen hingegen perlt es allerorten nach oben, viel feiner, und sorgt dafür, dass im Zuge des kompletten Trinkvorgangs eine schön sahnige Schaumschicht über dem Bier im Nailaer Krug bleibt. Das hat nicht nur die oben erwähnte Cremigkeit zur Folge; es zieht auch den Nebeneffekt nach sich, dass die allerletzten Schlücke etwas schal werden – und man eigentlich gleich ein frisches Schlöbberla nachschieben sollte. Im Craftglas war das Bier hingegen bis zum Ende vergleichsweise munter.

Wie man sich nun diese unterschiedliche Perligkeit erklären kann, wusste mir eine befreundete Chemikerin zu erklären: Grobe Struktur (das alte Pressglas – oder auch ein Steinkrug) bietet dem CO² viel Oberfläche, um sich anzuheften, zu sammeln und nun schnell feine kleine Bläslein zu bilden, die nach oben geschickt werden. Durch eine glatte Oberfläche wie beim Spiegelauer High-Tech-Glas wird das CO² länger in der Flüssigkeit gehalten. Wieder was gelernt. Was die Stärke des Glasrandes angeht, konnte mir bislang niemand belegen, dass sie einen Einfluss auf das bierige Geschmackspanorama hätte.

Womit die Firma Spiegelau aber noch wirbt, ist folgender Vorteil: Das dünne Glas soll die Temperatur des Bieres besser halten, da die Eigentemperatur des Gefäßes bei so wenig Glasmasse kaum eine Rolle spiele und kein großer Temperaturausgleich zwischen der hauchdünnen Glasmasse und der Flüssigkeit stattfinden müsse. Ich habe zunächst beide Gläser mit einem Schwung kalten Wassers ausgespült, wie man es landläufig halt macht. Im Lauf der dreiviertelstündigen Parallelprobe hatte am Anfang das Spiegelauer die Nase vorn, mit einem – obacht! – um nullkomma acht Grad kälteren Bier-Glas-Gebinde. Auf halber Strecke lagen beide fast gleichauf mit Unterschieden von 0,2 Grad. Und vor dem letzten Schluck hatte das Glaskrügla die Oberhand und war ein halbes Grad kühler als der Edelkonkurrent. Das könnte ganz einfach am Henkel liegen, der die Handwärme nicht weitergibt.

Fazit dieses pseudowissenschaftlichen Test-Teils: Auch sehr temperatursensible Zeitgenossen kommen mit einem dicken Krug nicht katastrophal schlechter weg. Bei sommerlichen Hitzewellen sogar eher besser.

Urteilsverkündung

Also, was braucht’s zum Verkosten eines soliden fränkischen Dunklen? Wohl einfach nur Lust auf das Bier. Mehr nicht. Keinen Teku-Kelch, kein Edelbierglas. Aber nicht, weil das fränkische Bier so fad wäre, sondern weil sein natürlicher Lebensraum (vornehmlich wohl Steinkrug) ihm völlig genug ist. Man muss keinen exotischen Glaszirkus um das arme Bier veranstalten; das verursacht ihm nur Stress. Falls nicht dem Bier, dann mir.

Wenn ich gelegentlich in meiner fränkischen Heimat bin und mit meinem dazu eigentlich nie abgeneigten Vater („solang i ka Pils trinkn muss!“) zwei, drei verschiedene Biere der lokalen Brauer oder Händler probiere, dann teilen wir uns jedes Seidla. Aber einen Sechsersatz Verkostungstulpen gibt’s im genügsamen Rentnerhaushalt weiß Gott nicht. Stattdessen jede Menge 0,2-Gläser, die farbecht sind, einen festen Fuß und eine schön bauchige Form haben. Die sich nach oben ein bisschen verjüngen und der Nase damit etwas Bündelung bieten, um von Anfang an mit allen Sinnen dabei zu sein. Es sind die weit verbreiteten Verkostungsgläser aus der Norma. Stück für 89 Cent, beim Abverkauf sogar noch gratis mit Senf befüllt.“

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