Eckkneipen-Überleben leicht gemacht

"Zum Stammtisch" in NeuköllnClickbait für Eckkneipenwirte: Unternehmensberatungen stinksauer! Vater findet heraus, dass die Leute eure Kneipe lieben, wenn ihr DIESE UNGLAUBLICHEN Tipps beherzigt!!!11elf

Könnte es sein, dass diejenigen Berliner Eckkneipen, die bis jetzt überlebt haben, auch weiterhin existieren? Mehr und mehr würde ich diese Frage mit einem vorsichtigen „ja, unter bestimmten Umständen evendöll schon“ beantworten.  Im „Stammtisch“ in der Weserstraße, als ein englischsprachiges Hipsterpärchen sich am Tresen mit einem äußerst bodenständigen Stammgast unterhielt, hatte ich diesen abwegigen Gedanken. Welche Kriterien könnten es sein, die eine Eckkneipe im gegenwärtigen Berlin stärken?

Diversity Management

Kaputter Heinrich - nachgestellte SzeneIch bin der festen Überzeugung, dass es nicht nur mir so geht: Unterschiedliche Gäste in einer Kneipe sind gut. Uniformes Publikum dagegen ist ein Ärgernis, wie beim Kiezneurotiker hinsichtlich Verrückter, Mütter, Touristen, Schnösel, Hipster, Honks etc. immer wieder nachzulesen ist. Natürlich wertet es eine Eckkneipe auch ab, wenn ausschließlich Hartz-IV-Empfänger und Spielsüchtige drinsitzen.

Der Wirt kann mit Angebot und Ambiente, womöglich sogar mit einigen Basics an Marketing (eine Homepage mit den Öffnungszeiten ist noch nicht selbstverständlich) zumindest versuchen, Stammgäste zu halten, Laufkundschaft zu gewinnen und Neulinge nicht gleich zu verschrecken. Auch Raucher und Nichtraucher müssen in einer Eckkneipe keinen unversöhnlichen Gegensatz bilden. Ein Raucher- und ein Nichtraucherraum funktionieren im kaputten Heinrich zum Beispiel bestens.

Spezialisierung

Nein, Spezialisierung widerspricht nicht dem Diversity Management bzw. der Vielfalt der Gästesorten. Mit Spezialisierung meine ich, dass eine Eckkneipe versuchen kann, aus dem Einheitsbrei anderer Kneipen herauszuragen, ohne die Eckkneipenbasics zu vernachlässigen. Das ist mit vielen Maßnahmen denkbar. Motto-Dekoration ohne Dekorations-Overkill, Swing-Tanzabende mit entsprechendem DJ jeden ersten Donnerstag im Monat, eine Jukebox mit isländischer E-Musik, was weiß denn ich, ich bin kein Wirt, ich will konsumieren und mir nicht das Hirn zermartern.

Mehrere Biersorten ausschenken

Stammtisch EngelhardtZumindest für solche Gäste, denen es nicht ausschließlich ums schnelle Besoffenwerden geht, sollte eine Eckkneipe jenseits der Schultheisskindlpilsenerherrlichkeit noch eine oder zwei Sorten handwerklich gebrautes Sonderbier anbieten. Das braucht keine riesige Auswahl an  Imperial-Coffee-Honey-Stouts und Westcoast-Surfer’s-Paradise-Hops-and-Raspberry-IPAs sein. Ein traditionelles Helles (aus Franken oder sonstwoher) plus ein IPA reichen aus. Im eingangs erwähnten Stammtisch haben sie jetzt zum Beispiel wundervoll gezapftes Rollberg hell vom Fass. So etwas lockt Gäste an, die zwar das Eckkneipenambiente, nicht aber Fernsehbier vom Fass schätzen.

Den Hungerturm wiederbeleben

Buletten beim Höck

Kleine Speisen aus der Vitrine, und wenn es nur Buletten, Soleier und Stullen sind, werten eine Kneipe ungemein auf. In Berlin taten die Hungertürme ihren Dienst für Jahrzehnte. Döner und Currywurst können kaum für die heutige Speisenlosigkeit verantwortlich sein. Denn der Hunger kommt mit dem Trinken. Für eine echte Barfly sind die 50 Meter bis zum Dönerstand viel zu weit, auf die Vitrine zu deuten, ist hingegen gerade noch zumutbar.

Musik:  ja, aber

Mit der Musik in Kneipen ist’s ein Drama für den Katz. Man kann es ihm hier nicht rechtmachen, weil er in der Kneipe keine Musik schätzt. Jetzt ist der Katz aber wahnsinnig intersubjektiv und abstraktionsfähig. Deshalb: Musik von mir aus, was weiß ich, sogenannte Oldies gefallen doch den meisten. Sogar Deutscher Schlager – von mir aus, wenn es nicht das zehnte Untergeschoss der Bumsmusik ist. Der Dienstbier und ich haben diesbezüglich in fränkischen Pendants der Berliner Eckkneipen furchtbare Grausamkeiten gehört („Ein schöner weißer Arsch“, „Poldi Bumskopf, das ist die größte Sau“).

Spiele: ja, aber Geldspielautomaten gehen gar nicht

Ich kann mir nicht helfen, eine Kneipe mit Geldspielautomat(en) ist viel hässlicher als eine Kneipe ohne. Wer seiner Spielsucht frönen muss, möge das bitte im Automatencasino tun. Gegen Vergnügungsapparate wie Dart oder Billard spricht dagegen nicht das Geringste, denn hier spielt man üblicherweise miteinander und nicht einsam und oft wie irr an blinkenden Tasten. Auch sollte der Wirt Kartenspiele wie Skat oder Doppelkopf zulassen. Dadurch können sich Runden bilden, die über lange Jahre jeden letzten Dienstag in ungeraden Monat zusammenkommen. Sowas ist es doch, was die Leute vom Fernseher weglockt.

Fernsehen, Fußball-Übertragungen

Berliner Stadtkrug GastraumDer Fernseher darf keinesfalls die ganze Zeit laufen. Eine Eckkneipe sollte aber durchaus Bezahlfernsehen für Fußballübertragungen zugänglich machen, wenn die Stammgäste das wünschen. Die Kneipe kann, muss sich aber nicht als Fankneipe für einen bestimmten Verein outen. Und die Sportübertragungen sollten mit Maß und Ziel angeboten werden. Bundesliga, WM oder EM sind ok, wenn es danach auch wieder gut ist.

Drastischere Rettungsmaßnahmen

Sollte das alles wider Erwarten nichts nützen, können sich potentielle Gäste, Nachbarn oder Künstler zusammenrotten, um die Kneipe zu retten und (wieder) zu dem machen, was man sich in der Lokalität wünscht. Hier ist zu lesen, dass es so eine Rettungsaktion zum Beispiel für den eingangs erwähnten „Stammtisch“ gab.

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4 Antworten zu Eckkneipen-Überleben leicht gemacht

  1. Christian Buggisch schreibt:

    Meine Neugier und Vorfreude wachsen :)

    Gibt es wirklich Wirte, die Kartenspiele verbieten? Warum?

    • Athanasius Katz schreibt:

      Das gibt es durchaus, wenn auch natürlich nicht übermäßig häufig, wenn der Wirt halbwegs normal tickt. Die Gründe für ein Kartenspielverbot erschließen sich mir auch nicht so recht. Ein entsprechendes Verbot wird meist mit sinngemäß „hier nicht üblich“ ohne eine eigentliche oder ausführliche Nennung der Ursachen begründet. Nur ein einziges Mal (in Oberfranken habe ich das erlebt) murmelte die Wirtin was von „Teufels Gebetbuch“ (= Kartenspiel), das sie in der Wirtschaft nicht haben wolle. Ich könnte mir vorstellen, dass manchmal die Angst von zu wenig Umsatz vorherrscht. Es gibt Kartelrunden, die das Spiel recht ernst nehmen und daher von den Spielern wenig Bier bzw. sonstiger Alkohol konsumiert wird. Aber wenn die Kneipe sowieso nicht berstend voll ist, ist’s ja egal, ob an einem Tisch wenig getrunken wird, immerhin würden die Kartenspieler bestimmt häufiger kommen.

      • Chris Kurbjuhn schreibt:

        Als ich für meine heimatlos gewordene Skatrunde eine neu Bleibe suchte, habe ich mehrere Absagen erhalten. Die Wirte wollten uns nicht haben
        a) weil sie uns nicht kennen (Kunststück, wir haben ja vorher in einer anderen Kneipe gespielt).
        b) weil in der Kneipe sonst auch keine Kartenspiele gespielt werden, und das auf die anderen Gäste befremdlich wirken könnte.
        c) weil Skatspieler sich immer anschreien und das die anderen Gäste stört.
        d) weil wir von 18 bis 22 Uhr spielen wollen und sie in dieser Zeit an dem Tisch zwei- oder dreimal Essen verkaufen könnten.

  2. Pingback: Bier in Berlin und kein WLAN in Hamburg – Christian Buggischs Blog

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