Reinheitsgebot – überflüssig oder notwendig?

ReinheitsgebotImmer mal wieder liest man die Klagen von Brauern, dass das Reinheitsgebot nicht mehr zeitgemäß und vielmehr ein Hindernis auf dem Weg zu mehr Kreativität und Vielfalt sei. Stimmt’s oder stimmt’s nicht?

Das darf natürlich jeder sehen und beurteilen wie er will. Ich habe mich bis gestern nie ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, denn bis gestern habe ich ausschließlich reinheitsgebots-konformes Bier getrunken (und seine Vielfalt genossen). Mein mutigstes Experiment in dieser Angelegenheit bislang: Radler.

Hopfen, Malz, Hefe, Wasser

Wir wollen uns hier auch gar nicht lange mit historischen und theoretischen Betrachtungen aufhalten, was genau ein Bier ist, was in welchem Land so genannt werden darf, was nicht und seit wann das gilt. Dafür gibt es Gesetze und Verordnungen.

Uns genügt die Kurzfassung, die da lautet: Deutsches Bier muss in Deutschland laut Gesetz auch heute noch ausschließlich aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser hergestellt werden. Und das seit gut 500 Jahren.

Bier? Oder Gurkenwasser?!

Bier-AdventskalenderAber gestern habe ich erstmals ein Un-Bier, ein Bier-Imitat, ein Bier-oid getrunken – und es war ganz schrecklich. Ich hätte es mir nicht gekauft, aber es war Teil eines Bier-Adventskalenders mit 24 verschiedenen Bieren, was ja an und für sich eine ganz entzückende Idee ist, um mal verschiedene Biere zu trinken.

Das Bier-oid trug den Namen „Hexenritt“ und warb mit den fragwürdigen Schlagworten „Stark – Sauer – Salzig – Fruchtig – Würzig“ für sich – Bezeichnungen, die ich bisher vielleicht mit Gurkenwasser assoziiert hätte, aber nicht mit Bier. Neben den Bier-üblichen Bestandteilen war es geschmacklich mit Salz und Koriander zu etwas verwandelt worden, das sich nur schwer beschreiben lässt. Ja, es war sauer, salzig und würzig zugleich. Aber wer will so was trinken?

Billige Effekte statt Raffinesse

Alles, was an einem guten Bier interessant ist, war hier von Säure, Salz und Würze übertüncht. Vielleicht habe ich nur Pech gehabt und es gibt ganz großartiges „unreines“ Bier. Glaube ich aber nicht. Vielmehr scheint mir symptomatisch zu sein, dass jede weitere Zutat für billige Effekte statt Raffinesse sorgt. Weniger dürfte beim Bier wirklich mehr sein!

Und das kennen wir ja auch aus anderen Genusswelten: Ich trinke meinen Kaffee am liebsten schwarz. Als Filterkaffee. Keine Milch, kein Zucker, kein Schaum, kein Firelefanz. So schmeckt Kaffee nach Kaffee und nicht nach irgendetwas. Wer will kann gerne auch einen entkoffeinierten Latte mit Haselnuss-Vanille Aroma und einem Klacks Orangenschalen-Zimt-Sahne trinken und das für Kaffee halten. Ist ja ein freies Land.

Dasselbe beim Fleisch: Barbecue-Sauce mit künstlich-penetrantem Raucharoma zum Fleisch? Eingelegte Aldi- oder Lidl-Steaks? Herrjeh … Wie wär’s mal mit einem guten Stück Rind, nur mit Salz und Pfeffer, sonst nichts? Das schmeckt nach Fleisch. Die billigen Saucen dienen nur zur Tarnung, damit keiner merkt, dass man ein belang- und geschmackloses Stück Massentierhaltung auf dem Teller hat.

Und die gleiche Funktion haben eben Salz, Koriander und sontiges Gedöns beim unreinen Bier.

Aromen zaubern

Die Kunst der guten Brauer besteht halt einfach darin, aus den immer gleichen und im Prinzip simplen Grundzutaten völlig unterschiedliche Biere mit einem riesigen Aromenspektrum zu zaubern, während andere Brauer aus den gleichen Zutaten die langweiligste und egalste Industrie-Plörre produzieren, die man sich nur denken kann.

Daher: Bleiben wir bitte beim Bier nach Reinheitsgebot. Alles andere darf gerne jeder herstellen und trinken – aber nicht Bier nennen. Und wenn wir mal wirklich experimentierfreudig sind, nehmen wir ein richtiges Bier, füllen es in ein Eichenholz-Fass und schauen mal, was passiert …

 

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17 Antworten zu Reinheitsgebot – überflüssig oder notwendig?

  1. Tom schreibt:

    Das Hexenritt ist eine Gose, ein Bierstil welcher mindestens 200 Jahre älter wie das Reinheitsgebot ist. Salz und Koriander sind unverzichtbare Zutaten hierfür. Seinen Ursprung hat das Bier in Goslar, das Brauwasser kam aus dem Fluss „Gose“. Seit ca. 300 Jahren wird aber auch schon die Leipziger Gose gebraut. Sie darf trotz Reinheitsgebot in Deutschland gebraut werden, da sie zu den „besonderen Bieren“ gehört.
    Ich mag die Gose, gibt es jedes Jahr in Köln auf dem Festival der Bierkulturen frisch vom Fass! :)
    Wenn Dir nochmal ein Gose begegnet, einfach nochmal probieren! ;-)

    • Christian Buggisch schreibt:

      Ja, das hatte ich gelesen, Ist aber auch ein schönes Beispiel dafür, dass alt nicht gleich gut ist (und schon gar nicht zwingend nachahmenswert). Der Grund, dass im Mittelalter Wein und Bier gewürzt wurden, war ja, dass die ungewürzt ganz grässlich geschmeckt habe, weit entfernt von dem, was wir heute mit ordentlicher Technik herstellen. Die Gewürze dienten schlicht dazu, die Getränke genießbar zu machen. Und Gott sei Dank haben sich Wein und Bier bis heute in einen Genuss-Zustand entwickelt, dass es keinen Grund mehr für Gewürze gibt :-)

  2. Sascha schreibt:

    So sehr ich diesen Blog mag, aber dieser Artikel ist reinstes Stammtischniveau.
    Sorry…

    • Christian Buggisch schreibt:

      Ja, wenn du jetzt noch sagen würdest, was genau dir am Beitrag missfällt. Ein Argument? Alle Argumente? Die Beispiele? Die Sprache? Was genau ist „reinstes Stammtischniveau“? Und wenn du dann noch ein eigenes Argument vortragen würdest, vermutlich weit geistreicher als „reinstes Stammtischniveau“, ja dann könnten wir hier sogar richtig diskutieren … Den Artikel unten habe ich gelesen. Auch interessant. Wir können uns auch gegenseitig Links um die Ohren hauen, aber eigene Argumente finde ich durchaus interessanter …

      • Sascha schreibt:

        Hallo,
        nun gut, dann will ich mal:

        „Vielleicht habe ich nur Pech gehabt und es gibt ganz großartiges “unreines” Bier. Glaube ich aber nicht.“ – Glauben ist nicht wissen.

        „Daher: Bleiben wir bitte beim Bier nach Reinheitsgebot“ – Diese Aussage nach dem trinken von einem Bier, welches nicht nach dem Reinheitsgebot gebraut ist?

        Apfel- und Birnenvergelich:
        „Dasselbe beim Fleisch: Barbecue-Sauce mit künstlich-penetrantem Raucharoma zum Fleisch? Eingelegte Aldi- oder Lidl-Steaks? Herrjeh … Wie wär’s mal mit einem guten Stück Rind, nur mit Salz und Pfeffer, sonst nichts? Das schmeckt nach Fleisch. Die billigen Saucen dienen nur zur Tarnung, damit keiner merkt, dass man ein belang- und geschmackloses Stück Massentierhaltung auf dem Teller hat.
        Und die gleiche Funktion haben eben Salz, Koriander und sontiges Gedöns beim unreinen Bier.“

        Im Umkehrschluss dürften mir keine Biere nach dem Reinheitsgebot schmecken, denn mir schmecken keine Bockbiere. Also stelle ich mich polemisch hin und sage. Das Reiheitsgebot ist wirklcih schlimm, denn dieses eine Bockbier was ich gerade trinke, schmeckt mir nicht. Und wer ist schuld, das Reinheitsgebot!

        Prost

      • Sascha schreibt:

        Ich habe kein Problem damit ein Bier zu verreißen, wenn es einem nicht schmeckt, aber das Ganze dann darauf zu scheiben, dass es nicht nach dem Reinheitsgebot gebraut ist, ist der falsche Ansatzpunkt. Denn es gibt viele leckere Biere die nach dem Reinheitsgebot gebraut sind und auch viele leckere Biere die nicht nach dem Reinheitsgebot gebraut werden.

      • Christian Buggisch schreibt:

        Ich gebe zu: Nach nur einem Bier ist meine These etwas steil. Aber dazu sind Thesen ja da, um sie im Laufe der Zeit zu verifizieren, modifizieren oder falsifizieren. Also mal sehen.

        Und ich habe nicht geschrieben, dass die einen Biere kategorisch gut und die anderen kategorisch böse sind. Ich habe geschrieben, dass jeder trinken mag, was er will, dass ich mir aber wünsche, dass unter der Bezeichnung „Bier“ nur solche nach dem Reinheitsgebot gebrauten angeboten werden. Die anderen werden ihre Käufer unter einer anderen Bezeichnung finden. Eine reine Transparenzgeschichte. Ein Wein mit Holundersirup wird auch nicht mehr Wein, sondern Hugo genannt …

  3. Sascha schreibt:

    Vielleicht hier mal lesen und dann überlegen was das Reinheitsgebot ist oder auch nicht ist.
    https://web.archive.org/web/20140201171151/http://beer4wedding.de/wir-wollen-es-nicht-bekaempfen-aber-wir-ignorieren-es/

  4. Matthias Eberling schreibt:

    Ich finde es gut, dass du dich hinstellst und sagst: Mein Name ist Athanasius Katz und ich habe Radler getrunken. Das befreit – und wir haben als junge Leute alle Fehler gemacht …

    Ich habe am Wochenende in Franken eine Entdeckung gemacht: Weib’s Brauhaus in Dinkelsbühl. Großartiges Helles! Eine Braumeisterin, die sich 1999 selbstständig gemacht hat, der Braukessel steht mitten im Gasthaus. Und Dinkelsbühl ist immer eine Reise wert.

  5. Athanasius Katz schreibt:

    Ich muss doch sehr bitten, Matthias Eberling. NIE habe ich mich hingestellt und befreiend verkündet, dass ich Radler getrunken habe. Das war der Buggisch! Und wenn überhaupt, habe ich saures Radler getrunken …

    Aber jetzt zum Thema Reinheitsgebot. Ich verfolge die Diskussion seit Jahren. Die Standpunkte „Reinheitsgebot abschaffen“, „ändern“ und „belassen“ lassen sich, wenn man das möchte, mit Argumenten unterfüttern. Die Art der Diskussion lässt mitunter zu wünschen übrig. Ich finde, es könnte besonnener zugehen.

    Was der Brauerbund und manche Großbrauereien verlautbaren lassen, überzeugt mich nicht, das ist Augenwischerei. Gebetsmühlenartig zu wiederholen, eine Abschaffung des Reinheitsgebots würde gesundheitsschädlicher Chemie Tür und Tor öffnen, grenzt ja an eine Verschwörungstheorie à la Chemtrails (lustig auch, dass auf der Brauerbund-Seite zum Reinheitsgebot alle möglichen ekligen Dinge aufgezählt werden, vor denen uns die Verordnung bewahrt).

    Der von Sascha verlinkte Artikel beschreibt sehr gelungen, was wohl dahintersteckt. Längst sind andere Zutaten im Bier als Wasser, Hopfen, Hefe und Malz. Schwefel, Klärmittel Kieselgur, Färbebier, alles gängige Praxis.

    Den Gegnern des Reinheitsgebots in seiner jetzigen Form geht es vor allem darum, auch natürliche Geschmackszutaten beimischen und das Ganze dann Bier nennen zu dürfen. Die Craftbeer- und Biersommelier-Ecke, diskutiert mir das Thema mitunter zu sehr von oben herab. Da wird manchmal so getan, als seien die Verfechter des Reinheitsgebots gleich mitbeschränkt, weil sie sich auf die wenigen Zutaten beschränken möchten. Manche Craftbeer-Liebhaber scheinen sich persönlich angegriffen zu fühlen, weil sie irgendwie total in ihrer freien Entfaltung gehindert werden. Diesen Ton schlägt überraschenderweise sogar die Craftbeer-Bloggerin Mareike Hasenbeck an, die sonst in einem gänzlich anderen Ton schreibt. Zum Reinheitsgebot sagte sie in einem Interview:

    „Es behindert unkonventionelle Craft-Brauer total in ihrer Kreativität. Aber: Wenn nur mit natürlichen Rohstoffen gebraut wird, finde ich das total in Ordnung.“

    Eines der Argumente der Reinheitsgebot-Gegner ist, dass es längst aufgeweicht ist und die Brauer, insbesondere die Großbrauereien schon jetzt alles mögliche völlig legal hineintun dürfen (siehe oben). Hier sind wir an der Stelle angelangt, wo ich aussteige. Denn so zu argumentieren ist auch nicht besser als Panikmache vor Chemie bei den Befürwortern. Bei Christian bin ich bei dem Punkt, dass jeder Craft-Brauer brauen kann, was er möchte. Gut, er darf es nicht Bier nennen, aber wenn ausgefallene Zutaten drin sind, kann man ja vielleicht auch mit einem vermarktenden Phantasienamen leben.

    Aus allen diesen Gründen bin ich, um ehrlich zu sein, sogar letztlich für eine Verschärfung des Reinheitsgebots. Auf Schönung, chemische Klärung und Schwefelung des Bieres durch die Großbrauereien könnte ich nämlich verzichten. Das Reinheitsgebot hemmt andererseits niemanden, der sich geschmacklich austoben möchte. Ich trinke solche mit natürlichen Aromen versetzten Biere ab und zu ganz gerne. Alles zu seiner Zeit, sage ich, wenn ich auch lieber ein Trinkbier im Glas habe. Die aromatisierten Biere schmecken immer interessant, natürlich schmecken sie mir nicht alle, aber ich habe mich noch nie daran gestört, dass nicht „Bier“ draufsteht. Mich würde wirklich die Antwort darauf interessieren, warum das so wichtig ist.

    Unabhängig von allen verschiedenen Meinungen fand ich übrigens das folgende Zitat von den Bier-Index-Leuten, gefunden auf lieblingsbier.de:

    „Das Reinheitsgebot ist hier ein wenig wie der„Hollywood Code“ in den Filmen der 50er. Es führt zu interessanten Methoden und auch künstlerischen Produkten, wenn man trotz Beschränkung etwas Besonderes schaffen will, aber letztlich ist es ein Hemmnis.“

  6. Sven Geggus schreibt:

    Du solltest dringend mal ein Witbier probieren. Ich finde solche Zutaten jedenfalls nicht böse: http://amihopfen.com/RHG-Verbrecher:::258.html

  7. Pingback: Wann ist ein Bier ein Bier? | Christian Buggischs Blog

  8. Querdenkmaler schreibt:

    Es gab vor 20 Jahren mal Kartons ‚Biere der Welt‘ mit 12 (?) verschiedenen Sorten, darunter belgische mit Whisky oder auch Kirschsaft, aber auch den üblichen Verdächtigen Tsingtao, Corona usw.. Fast alle irgendwie lecker! Bin halt kein Purist.
    Das Reinheitsgebot finde ich trotzdem nützlich, weil es Kopfschmerzen verhindert. Musste mich in USA mal 3 Wochen von Miller Lite ernähren; schmeckt sch…, und vor allem hatte ich nach einer (!) Dose schon sooo ’nen Kopp.

  9. Lutz Prauser schreibt:

    … warum fällt mir jetzt gerade ein, dass Brauereien sich der Einhaltung des Reinheitsgebots rühmen und ihr Weißbier vom Fass zusätzlich mit Eiweiß trüben?
    Da ist mir deklariertes Gewürzbier doch die ehrlichere Variante. Oder Limo- oder Bananenbier. Nicht, dass ich das trinke, aber da tun die Brauereien wenigstens nicht so pharisäisch…

    • Sascha schreibt:

      Noch dazu, dass ein Weißbier/Weizenbier gar nicht nach dem Reinheitsgebot deklariert werden dürfte, da nach dem Reinheitsgebot Weizen explizit ausgeschlossen wird.

  10. Norbert Kraas schreibt:

    Bierernst geht’s hier teilweise zu. Mehr noch als das Reinheitsgebot für Bier macht mir das Reinheitsgebot für öde Bierwerbung zu schaffen ;-) http://bit.ly/1J6i7IS

  11. Samuel Adams schreibt:

    darauf dann erst mal ein Camba Milk Stout!

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