Katzscher Ärger über jüngste Bierberichterstattung

Athanasius Katz im WaldhornDie Süddeutsche Zeitung lese ich mitunter gerne, sowohl online als auch gedruckt. Was mir in der letzten Zeit auffällt, ist, dass die Bierberichterstattung im besten Falle schlecht recherchiert ist – einzelne Passagen oder ganze Artikel zeugen indes von kompletter Ahnungslosigkeit und aggressiver Ignoranz. 

Was gibt es nicht alles im Netz zum Thema Bier zu lesen. Craftbeer-Päpste äußern sich zur Industrieplörre wie Veganer über Saftgulasch, selbsternannte und womöglich fürs Lobhudeln bezahlte Bierexperten loben die gleiche Industrieplörre wie die nordkoreanischen Medien den großen Diktator Kim Jong Un. Ich bin kein Freund solcher Extreme, gerade der Biertisch ist der Ort schlechthin für ein gewisses Laissez-faire.

Überregionale Medien, die nicht müde werden zu predigen, welchen Qualitätsanspruch sie haben, sollten weder extreme Meinungen vertreten noch einfach so irgendwelche Meinungen publizieren, die mit einer angemessenen Recherche einfach nicht vertretbar sind. In der Süddeutschen gab es jüngst einige Artikel, zu denen man einfach nur noch den Kopf schütteln konnte. In steigender Unsäglichkeit waren das die folgenden:

Lars Reichardt und Lorenz Wagner analysieren die Hälfte des Problems

Die beiden Autoren haben für den Artikel Absturz (online seit 21.10.2014, vorher nur Print) zumindest recherchiert und schildern ausführlich den Problemkreis, warum mittelgroße Brauereien Absatzprobleme haben. Die Eingangsfrage

„vor nicht langer Zeit hatte in diesem Land fast jeder Biertrinker seine Lieblingsmarke. Nie hätte ein Jeveraner ein Becks angerührt, ein Augustiner-Trinker ein Hofbräu. Auch diese Treue ist vorbei. Wie kann das sein?“

wird durchaus im Artikel beantwortet, wenn auch etwas einseitig mit der Verramschung von Bier. Angedeutet wird immerhin, dass es auch der Einheitsgeschmack ist, der die Leute von den angestammten Marken wegtreibt. Mir etwas zu implizit wird der Sachverhalt beschrieben, dass nur dann, wenn die Biere hinsichtlich des Geschmacks nicht mehr unterscheidbar sind, automatisch zum Billigeren gegriffen wird. Das hätte man besser herausarbeiten können.

Gewünscht hätte ich mir auch einen weiterführenden Blick als den auf Kosten, Preise und mangelnde Markentreue. Es gibt noch mehr Gründe, dass eine Brauerei aufhören muss (z.B. kein Nachfolger, Schließung wegen mangelnder Hygiene) und es gibt andere Gründe, kein Warsteiner oder kein Iserlohner zu trinken als den Preis (z.B. vernünftiges, handwerklich gebrautes Bier).

Sebastian Herrmann hat das Craftbeer erfunden

Am 15. Juni 2014 bekam ich schlechte Laune wegen eines Süddeutsche-Artikels Mehr Vielfalt am Zapfhahn. Der Autor, Sebastian Herrman, verkündet die Riesen-Neuigkeit, dass es in Deutschland jetzt auch Craftbeer gibt:

Die USA gelten in der Biernation Deutschland als Land der öden Plörre. Dabei gibt es dort viel mehr Auswahl als bei uns. Mittlerweile lassen sich die ersten deutschen Bierbrauer inspirieren. Der Craft-Beer-Trend schwappt nach Deutschland.

Das Gelächter im Netz war natürlich groß, schließlich geht das schon ein paar Jahre so. Das machen Journalisten übrigens immer wieder falsch und schließen von sich auf andere: Nur weil ein Autor jetzt erst auf einen Trend aufmerksam wurde, ist er der Meinung, dieser Trend sei superneu. Aber immerhin strotzte der Text nicht vor Fehlern und Ungenauigkeiten.

Sehr daneben fand ich allerdings den Versuch, Biersensoriker lächerlich zu machen und den Seitenhieb gegen vernünftige Probiergläser. Handwerklich gebrautes Bier sollte man eben nicht aus der Flasche trinken, Herr Herrmann, weil man den Geruch des Bieres so nicht einfangen kann. Sei’s drum, der Artikel war nicht der größte Aufreger.

Beate Wild sollte besser in ihrem Hintertupfing bleiben

Beate Wild ist mir mit ihrer Kolumne „USA – Land der Fettnäpfchen“ schon häufiger negativ aufgefallen. Erstens durch pure Ödnis: Ist ja irre, in den USA reden sie sich mit dem Vornamen an oder Hilfäää, Kalifornien ist erdbebengefährdet. Liebe Frau Wild, bitte kaufen Sie sich einen USA-Reiseführer, denn solcherlei Texte wie die Ihren haben keine Botschaft und enthalten für neunundneunzig Prozent Ihrer Leser auch nicht das Geringste an Neuem!

Zweitens fällt Beate Wild durch Ignoranz auf. Hierfür gab es in der Vergangenheit auch schon mehrere Belegstellen, ich greife nur eine heraus: Das Thema Homophobie letztlich als nicht relevant einzustufen, weil die die Mormonen eine „vergleichsweise kleine Gruppe“ seien (in Wirklichkeit sind es weltweit weit über 10 Millionen) und darüber einfach mal die ganzen homophoben evangelikalen Gruppen zu verschweigen, zeugt von Nichtwissenwollen oder Nichtrecherchierenkönnen in Reinform! Und ebendiese Ignoranz lebte Frau Wild in ihrem Artikel zum amerikanischen Craftbeer dann voll aus. Beispiel gefällig?

„Was nützen mir 47 verschiedene Biere, wenn nicht ein einziges dabei ist, das schmeckt wie ein Bier schmecken soll?! Zumindest wie ich gerne hätte, das es schmeckt: nämlich wie ein bayerisches Helles.“

„Etwa mit dem IPA, das Indian Pale Ale. Bei diesem Bier dachte ich nach dem ersten Schluck, der Kellner habe etwas missverstanden und mir eine Art Radler aus Bier und Pfirsichsaft (wahlweise Kirschsaft) gemixt. Oder vielleicht das Glas vorher nicht richtig ausgespült. Erst bei den nächsten Schlucken wurde mir klar, dass dies leider kein Irrtum war: Dieses dreist „Bier“ genannte Kaltgetränk soll so schmecken.“

In einem Facebook-Kommentar bei Lieblingsbier war die Rede von „Ethnozentrismus“, das finde ich sehr passend für solcherlei Unfähigkeit, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Sehr peinlich auch, dass die SZ-Redaktion an zwei Stellen eingreifen musste, weil was komplett falsches dastand (zum Beispiel zum Thema „Aromahopfen“). Die „Anmerkungen der Redaktion“ sind mittlerweile wieder verschwunden und der Text selbst wurde geändert. Oh weh, und welche Breitseiten Beate Wild bietet:

An das Gebräu, das sie hier Bier nennen, kann ich mich als Bayerin nur schwer gewöhnen. Das mag arrogant klingen, aber was soll man machen: Ich bin nun mal groß geworden mit bayerischem Bier, das weltweit gelobt wird.

Keine Sorge, Frau Wild, das klingt nicht arrogant, das klingt inkompetent und infantil (bäh, ich mag das ausländische Zeug nicht!). Möglicherweise hat es auch in der SZ-Redaktion Ärger gegeben. Ich schließe das aus dem textsemantischen Duktus des neuesten Wildschen Ergusses. Hier kann der Amerikaner mal etwas besser als der Deutsche (was für die Kolumne nicht der Normalfall ist): Er kann besser Smalltalken. Eine erneute Sensation, aufgedeckt durch knallharten wildschen Enthüllungsjournalismus.

 

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5 Antworten zu Katzscher Ärger über jüngste Bierberichterstattung

  1. Moravius schreibt:

    Oho … „inkompetent und infantil“, und dann gar „Ethnozentrismus“ – ist das nicht ein wenig zu „bierernst“? Ich finde an der Süddeutschen Zeitung auch einiges auszusetzen, aber Beate Wilds Kolumne habe ich stets mit Genuß gelesen. Aber ich gehöre auch zu dem einem Restprozent der Deutschen (nach Katz’scher Rechnung), die keinen USA-Reiseführer im Bücherregal stehen haben und die gern auch mal in der Zeitung etwas lesen, was jeder andere schon längst weiß oder eigentlich jeder wissen sollte (aber vielleicht doch nicht weiß). Und daß Frau Wild Craft Beer nicht mag – geschenkt. Muß man deswegen gleich die große Keule des „Ethnozentrismus“ schwingen? Wie verträgt sich dieser hochmoralische, politisch korrekte Anspruch mit dem eingangs beschworenen Laissez-faire am Biertisch?

    • Jan schreibt:

      Naja, nach meiner Erfahrung lässt sich unter 47 Craftbieren sicher mindenstens eines finden, das ähnlich öde schmeckt wie bayrisches Helles. Die brauen nämlich auch nur mit Wasser. Und ich glaube nicht, dass die Tante alle 47 ausprobiert hat – auch, wenn sich so manches erklären ließe.

      • Athanasius Katz schreibt:

        Nein, das glaube ich auch nicht, dass sie alle Sorten ausprobiert hat. Wahrscheinlich hat sie sowieso einen Rotwein getrunken. Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass die Süddeutsche die Kolumne von Frau Wild jetzt eingestellt hat. Vielleicht ist man in der Redaktion zur Vernunft gekommen, dass eine Aneinanderreihung von amerikanischen Allgemeinplätzen zu wenig an Nachrichten enthält.

  2. Athanasius Katz schreibt:

    Der Ärger verträgt sich gar nicht mit dem Laissez-faire am Biertisch, das gebe ich zu. Ich gebe ebenfalls zu, dass ich Ignoranz nicht gut vertrage. Wenn man etwas nicht weiß oder etwas nicht kennt – kein Thema! Sich aggressiv zu weigern, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen, das einem Altbekannte als das Maß aller Dinge hinzustellen und dann noch schlecht oder gar nicht zu recherchieren, ist für mich kein Qualitätsjournalismus, den sich die SZ nun einmal auf die Fahnen geschrieben hat. Daraus resultierte mein Ärger. Aber zum Glück gibts bei der Bierberichterstattung nur selten solche Aufreger für den Katz.

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