Herr Dienstbier bekommt prophylaktische Kopfschmerzen

Mönchshof hinter BiernotizenIch kann das Reiseführer-Blabla „XY – Stadt/Land/Wasauchimmer der Gegensätze“ nicht mehr hören. Aber genau diese Prädikation drängte sich am letzten Wochenende auf! Selten haben Wuhrzel Dienstbier und ich während eines Bier-Ausflugs solche Extreme von Verfall und Lebendigkeit, von gutem und schlechtem Bier vorgefunden wie in Kulmbach.

Um das gleich vorwegzunehmen: Die Zeiten, in denen Kulmbach als „heimliche Hauptstadt des Bieres“ firmieren konnte, sind vorbei, zumindest, wenn man an Klasse und Vielfalt statt an Masse denkt. Längst hat Bamberg Kulmbach den Rang abgelaufen. Noch in den 1980er-Jahren gab es EKU, Sandlerbräu, Reichelbräu und Mönchshof. Nach und nach übernahm Reichel die anderen Brauereien. Seit 1996 ist die Kulmbacher Brauerei AG der Platzhirsch, EKU und Mönchshof werden seitdem als eigene Marken neben der Premiummarke Kulmbacher geführt (Quelle: www.kulmbacher.de). Auf Schritt und Tritt begegnete den Herren Dienstbier und Katz die frühere Vielfalt, aber letztlich ist das heutzutage alles ein Konzern.

Merkwürdig auch der viele Leerstand, der – zumindest in der Vorstadt – an Neumarkt erinnert hat. Ich musste mehrfach an den geschätzten Nachbarblogger Sugar Ray Banister denken, dem es in Kulmbach wohl viel zu unurban zugeht, aber der doch den ein oder anderen originellen Bild-Ausschnitt gewählt hätte.

Das Deutsche Biermuseum in der ehemaligen Mönchshof-Brauereiburg stand bei unserem Kulmbach-Ausflug auch auf dem Programm. Ich fand es sehr informativ und aufschlussreich, insbesondere die Ausstellung über Bierwerbung der letzten 100 Jahre beinhaltete sehr originelle und gut beschriebene Exponate. Kontruktiver Kritikpunkt wäre, dass das technische Gerät aus alter und neuer Zeit kaum beschriftet war, man musste sich vieles selbst zusammenreimen.

So. Und jetzt aber mal zum Bier, schließlich ist das hier ein Bierblog. Au weia, und schon wieder steht der Katz mit einem Bein vor dem Richter, daher muss ich hier so formulieren, dass nichts justiziabel wird. Probiert habe ich das Mönchshof hell und die Edelmarke Kulmbacher. Beides hat mir nicht nur nicht geschmeckt, sondern ich habe mich wirklich gewundert, wie wenig von allem, was der Katz an einem Bier gut findet, in den beiden Massenbieren drinsteckte. Beim Mönchshof war bei gutem Willen noch eine gewisse Fruchtigkeit spürbar, daneben nur nichtiger Hopfen, fieses Malz und das alles sowieso nur in geringer, massentauglicher Ausprägung. Beim Kulmbacher Pils war dann beim besten Willen nur noch das Brauwasser wahrnehmbar, dem etwas Bitterstoffe zugesetzt wurden.

Der Dienstbier verweigerte nach dem Mönchshof das Pils glatt. Das allerdings wohlbegründet, da sein Körper beim Gedanken an ein weiteres Industriebier die Notbremse zog: Er klagte über „prophylaktischen Kopfschmerz“; wohl dem, der von seinem Körper gewarnt wird!

Neben Leerstand und Industrieplörre gab es auch mehrere Lichtblicke. Die Gaststätten „Zur Birke“ und das „Bierhäusla“ sind in dieser Hinsicht zu nennen. Beides schöne Gaststätten mit ernstzunehmenden Bieren: Die Birke hat immerhin Krug-Bräu auf der Karte stehen, im Bierhäusla gab es als Dauerbrenner zum Beispiel Huppendorfer und als Wochenbier das Will aus Schederndorf. Letzteres hat mir ausnehmend gut geschmeckt, nach Schederndorf muss ich direkt mal wieder hinfahren.

Höhepunkt in gaststätten- und bierhinsichtlicher Dimension war allerdings das Kommunbräu Kulmbach. 1990 sei die Idee entstanden, handwerklich gebrautes Bier herzustellen, 1992 gründete man eine Genossenschaft und 1994 waren die ersten Seidla im Glas (Quelle: Kommunbräu Kulmbach). Geht doch ganz einfach! Nein, Spaß beiseite, ich möchte nicht wissen, wie viel Arbeit da dahintersteckte und dahintersteckt. Auf jeden Fall bietet Wirtsfamilie Stübinger im Kommunbräu hervorragende Hausmannskost und ein prachtvolles getreidig-hopfiges Helles an. Beides konsumiert sich in wunderschönen Wirtsstuben mit Blick auf die kupfernen Sudkessel aufs Angenehmste! Allerlei Sonderbiere locken je nach Monat, dauerhaft steht auch noch ein Halbdunkles auf der Karte, das mich allerdings nicht überzeugt hat (zu süß, zu hefig, ich muss es leider als Gasthausbrauereiplörre bezeichnen). Aber wir sind beim Hellen geblieben, zumal Gambrinus ein Wunder gewirkt hatte und der Kopfschmerz vom Dienstbier nach dem ersten Schluck wie weggeblasen war.

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Eine Antwort zu Herr Dienstbier bekommt prophylaktische Kopfschmerzen

  1. Wuhrzel Dienstbier schreibt:

    „Trinkst du Kulmbacher, Püls, Leikeim und Co., wirst du deines Lebens nicht mehr froh!“

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