Brauhausfest Ummerstadt, Thüringen

Braufest Ummerstadt BiertischMitte der Neunziger erzählte mir ein Arbeitskollege aus Sonneberg in einem Gespräch über die fränkische Brauereilandschaft, daß es auch noch in Thüringen, speziell im Grenzbereich zu Bayern, einige kleine Brauereien gebe, allerdings ohne mir nähere Angaben machen zu können.

Das war eine Information, mit der ich damals nicht allzuviel anfangen konnte, war ich doch schon mit der schieren Masse an fränkischen Brauereien mehr als ausgelastet. Hinzu kam, daß die Recherchemöglichkeiten seinerzeit ohne Internet doch überschaubar waren. Irgendwann erwarb ich einen ostdeutschen Brauereiführer, aber auch dort kein Hinweis auf Brauereien jenseits der Großkonzerne. Erst als ich vor etwa drei Jahren auf einen Wikipedia-Eintrag zum Thema Hausbräu stieß, lüftete sich der Nebel der Unwissenheit: vor unserer Nase gab es, von uns völlig unbemerkt, eine lebendige und umfangreiche Gemeindebrauhauskultur, mit teilweise sensationellen Bieren.

Mittlerweile haben wir einige dieser Brauhäuser besucht, aber dazu an anderer Stelle mehr. Jüngste Entdeckung war das Brauhaus in Ummerstadt, Landkreis Hildburghausen, welches einmal im Jahr sein Brauhausfest veranstaltet. Dies ist, zumindest offiziell, die einzige Möglichkeit, dieses Bier zu probieren, ansonsten bleibt es den bezugsberechtigten Bürgern vorbehalten.

Mit Fahrrad und Zug machten sich die Herren Dienstbier und Katz auf den Weg nach Großwalbur, einem Ort zwischen Coburg und Bad Rodach. Im Gegensatz zur zweieinhalbstündigen Anfahrt ist die ehemalige Zonengrenze schnell erreicht. Aber abgesehen von einem Stück Kolonnenweg gibt’s vom Eisernen Vorhang nichts mehr zu sehen, und der ehemalige Grenzverlauf lässt sich nur erahnen. Über Bad Colberg (auch dort gibt es ein aktives Brauhaus) hat man schnell Ummerstadt erreicht.

Ummerstadt, das 2012 sein 1175-jähriges Bestehen feiern konnte, liegt in einem Teil des Landkreises Hildburghausen, der von drei Seiten von Bayern umgeben ist. Dieser Umstand schlägt sich auch in der Sprache nieder. Man spricht hier nämlich Itzgründisch, einen fränkischen Dialekt, der sich für meine mittelfränkischen Ohren von dem oberfränkischem Gemurmel diesseits der Grenze kaum unterscheidet. Hier ein hübsches Video zum Thema.

Auch die Stadt selber kann die Verwandschaft zu Oberfranken nicht verhehlen. Ein Bilderbuch-Ortsbild mit viel Fachwerkhäusern, wie man sie besonders in den Haßbergen häufig antrifft. Dank der jahrzehntelangen Randlage ist Ummerstadt bisher von der üblichen Zersiedlung und der „Erneuerung“ durch „Unser Dorf soll schöner werden“ verschont geblieben.

Aber nun zum Bier. Was für eine Entdeckung! Dabei handelt es sich um ein bersteinfarbenes, Lagerbier, welches sowohl fruchtig als auch kräftig muffig, aber vor allen Dingen mit einem starken, spitzen Hopfenaroma bei völliger Abwesenheit von Malzgeschmack und Kohlensäure daherkommt. Ein urtümliches Bier, wie man es kaum noch findet und wie ich es schon lange nicht mehr getrunken hatte. Auf Nachfrage wurde uns erklärt, daß das Bier schon immer (also auch schon zu DDR-Zeiten) nach demselben Rezept gebraut wird. Geiles Zeug!

Ausgeschenkt wurde das Bier am wunderbaren Marktplatz, dazu wurden Weckla gereicht, wahlweise mit Rotwurst oder weißem Pressack. Anschließend schauten wir uns noch das überraschend große Kommunbrauhaus an, in welchem auch Bier ausgeschenkt wurde („Holmä“, was soviel wie Halbe bzw. Seidla heißt).

Unsere Heimfahrt führte uns über die Zwischenstopps Kommunbrauhaus Seßlach und die Brauerei Scharpf nach Ebern. Allerdings waren wir da nicht mehr so taufrisch, so daß eine nähere Betrachtung dieser beiden großartigen Brauereien an dieser Stelle ausbleibt.

Eine rundum gelungene Aktion. Toller Ort, großartiges Bier, sympathische Menschen! Und wieder einmal eine Bestätigung dafür, sich auf den Weg zu machen, um gutes Bier zu entdecken.

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