Die geklauten Pommes

Das Biertrinken bringt es mit sich, dass mitunter Benehmenshemmungen deutlich eingeschränkt sind. Schlechtes Benehmen im Vollrausch lohnt natürlich keinen Blogeintrag, da Geschrei genauso öd ist wie Einschlafen. Die originellen Begebenheiten spielen sich in der Zwischenwelt des „Seihers“ ab:

Es dürfte so ungefähr 1995 gewesen sein, als man sich einmal mehr nach Bamberg begab. Als dritten oder vierten Ausschank betranken wir den Mahrs-Bräu. Dort halten sich vornehmlich die Einheimischen auf, da die Touristen (und so viele wie heute gab es damals auch nicht) nicht in die Wunderburg finden.

Es war Wochenende, die Gaststuben ziemlich voll, so dass wir die älteren Damen, die schon am einzig unkompletten Tisch saßen, artig um Erlaubnis fragten, uns dazusetzen zu dürfen. Unvorsichtigerweise sagte eine der älteren Dame „ja“, und wir nahmen Platz. Zuerst gab es zwischen den Alt- und den Neugästen keinerlei Berührungspunkte, bis die Damen ihr Essen bekamen.

Und Andreas, zwar angetrunken, aber durchaus noch Herr seiner Sinne, nahm einer der Damen immer dann, wenn Sie zur Seite blickte, um ihre Gesprächspartnerin anzusehen (ältere Damen sitzen immer nebeneinander, nie gegenüber), ein Pommes von ihrem Teller. Das hatte ich bis dahin auch noch nicht erlebt, dass man wildfremden Menschen ihr Essen vom Teller frisst.

Das ganze ging wohl ein Dutzend Mal gut, bis Andreas, beflügelt durch den Erfolg, unvorsichtig wurde. Folge: Er wurde erwischt. Und was ist dann wohl passiert? Ein Donnerwetter? Ein Hilferuf nach der Kellnerin mit anschließendem Hausverbot? Nichts dergleichen. Es ist NICHTS passiert. Die Dame, wohl derart konsterniert, dass so schlechtes Benehmen möglich ist, ignorierte die ganze Begebenheit komplett, schüttelte einmal fast unmerklich den Kopf und setzte das Gespräch mit ihrer Freundin fort.

Das Mahrs-Bräu lohnt übrigens immer einen Besuch, egal ob man mit oder ohne Seiher hinkommt. Die Wirtsstuben haben vor 100 oder 200 Jahren bestimmt auch nicht viel anders ausgesehen, Essen ist bestens und das Bier sowieso. Und wenn man noch stehen kann und keinen Sitzplatz bekommt oder Sorge hat, sich in der Wirtsstube danebenzubenehmen, sucht man die Schwemm auf, dort gibt es immer jemanden, der noch betrunkener ist und noch mehr auffällt.

^Athanasius Katz

Dieser Beitrag wurde unter Brauereigasthof, Essen, Hach, wie schön wars damals!, Seiher veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s