Prost, Piraten!

In meinem zweiten Gastbeitrag geht es schon wieder um norddeutsches Bier. Das ist reiner Zufall und diesmal dem Umstand geschuldet, dass ich Urlaub auf Rügen mache …

Auf Rügen selbst, der größten deutschen Insel, gibt es zwar keine Brauerei. Wohl aber in Stralsund, der schönen und sehenswerten kleinen Hansestadt, die nur einen Katzensprung von Rügen entfernt ist und an der für Rügen-Besucher kein Weg vorbeiführt, was ihr auch den Namen “Tor zur Insel Rügen” eingebracht hat. Hier gibt es seit 1827 eine Brauerei mit wechselhafter Geschichte, die schon im 19. Jahrhundert auch Rügen, vor allem die florierenden Ostseebäder Binz, Sellin & Co. belieferte. Im 20. Jahrhundert ging es mit der Brauerei jedoch bergab und “als Volkseigener Betrieb (VEB) zu DDR-Zeiten häuften sich die Probleme”, wie es auf der Homepage heißt und wie wir uns gut vorstellen können. Seit 1997 wird in Stralsund wieder Bier gebraut, zunächst noch als “Stralsunder Bier”, heute unter dem Markennamen “Störtebeker Braumanufaktur“.

Seeräuber auf der Flasche

Von solchen Marketing-Bezeichnungen mag man halten, was man will, und wenn sie den Absatz ankurbeln, weil die Kunden den Namen eines vor 600 Jahren enthaupteten Seeräubers auf einer Flasche Bier attraktiv finden: Sei’s drum. Entscheidend aber ist, dass es sich nach allem, was man so liest, bei der Stralsunder Brauerei um ein mittelständisches Familienunternehmen* handelt, das auf handwerkliche Braukunst und hochwertige Rohstoffe Wert legt und sich damit deutlich von den zahlreichen charakterlosen industriellen Bier-Plörre-Produzenten, die natürlich auch die Supermärkte Rügens dominieren, unterscheidet.

Doch genug der Theorie, wenden wir uns den Bieren zu. Drei Störtebeker-Biere habe ich gekauft und getrunken: natürlich ein typisch norddeutsches Pils mit 4,9% Alkohol, ein für Norddeutschland wohl eher untypisches Kellerbier (4,8%) und ein so genanntes Atlantik-Ale, hinter dem sich ein ebenfalls naturtrübes, aber obergäriges helles Bier mit 5,1% Alkohol verbirgt.

Von Bernsteinfarbe bis Kräutergarten

Das Pils hat – passend zu Rügen, wo man mit Glück am Strand echten Bernstein finden kann – eine wunderbare Bernsteinfarbe, eine feine Kohlensäure und die typische hopfige Pilsnote in der Nase. Im Mund ist es erst schön cremig, dann kommt die Kohlensäure zur Geltung. Der Geschmack ist nicht allzu intensiv, die Bitterkeit hält sich in Grenzen, trotzdem dominiert natürlich der Hopfen.

Links Pils, in der Mitte das Kellerbier und rechts das Atlantik-Ale

Diese Hopfennote fehlt dem naturtrüben Kellerbier, das kaum Schaum entwickelt, dafür einen ganz leichten Duft nach Früchten bietet, der im Rügener Wind aber kaum Bestand hat und schwer zu bestimmen ist. Ihm fehlt auch die Cremigkeit im Mund – und leider auch ein wenig der Geschmack. Weder Hopfen noch Malz treten in den Vordergrund, weder Süße noch Bitterkeit. Manche mögen das ausgewogen finden, mir ist das aber ein bisschen zu wenig. Verglichen mit den beiden anderen Bieren ist die Farbe des Keller-Biers etwas blass, und das ist symptomatisch. Laut Webseite wurde dieses Keller-Bier beim World Beer Cup 2010 in Chicago zum besten Kellerbier der Welt prämiert, aber was heißt das schon.

Beim Atlantik Ale strömt einem dafür ein erstaunlicher Frucht-Duft aus dem Glas entgegen, fast als würde man an einem Fruchtbonbon schnuppern – und zwar riecht es weder nach Zitrus noch nach Melone (wie man auf der Webseite lesen kann), sondern eindeutig nach Holunder, wenn ihr mich fragt. Diese Fruchtigkeit setzt sich beim Trinken fort, dazu kommt aber sofort eine kräftige Minze- oder Grasnote, gemischt mit Bitterkeit, die einen fast (ich möchte nicht übertreiben) an einen ganzen Kräutergarten denken lässt. Das Bier bietet eine Duft- und Geschmacksvielfalt, die ich sonst nur von Weinen kenne!

Fazit: Alle drei Biere sind absolut trinkbar und bereiten an einem sonnigen Rügen-Nachmittag Vergnügen. Das Pils ist ehrlich, ausgewogen und nicht zu bitter. Das Kellerbier ist optisch und geschmacklich etwas zu blass, da gibt’s bei uns zu Hause Besseres. Das Atlantik-Ale bietet eine faszinierende, unerwartete fruchtig-blumige Aromenvielfalt und ist mein Favorit.

Das Meer rauscht, die Möwen kreisen …

Eines noch, bevor ihr diese Biere zu Hause probiert und an meinen Geschmacksknospen zweifelt: Natürlich schmeckt ein Bier auf Rügen anders als anderswo, wer wollte das bezweifeln? Hier brennt die Sonne, der Wind weht (und zwar ziemlich kräftig), das Meer rauscht, man hat Sand im Haar und die Möwen ziehen über einem ihre Kreise. Ist doch klar, dass Bier hier anders schmeckt als auf dem Kreuzberg bei Stiebarlimbach oder im
Münchener Hirschgarten …

A propos zu Hause probieren: Aus dem Hause Störtebeker gibt es noch weitere Biere: vom Schwarz-Bier über das Bernstein-Weizen bis hin zum Stark-Bier mit 7,5 Umdrehungen für Leute, die so schnell nichts umhaut. Wer das alles mal probieren will, dem sei die “Entdecker-Kiste” mit 10×2 Bieren empfohlen – die ist im Online-Shop schnell bestellt und wird für nur 3,95 Euro auch von der schönen Hansestadt ins schöne Franken geliefert …

Und wer Lust auf das Bier einer weiteren Hansestadt hat: Hier geht es zu meinem ersten Gastbeitrag über Bier in Hamburg.

*Nachtrag: Die Stralsunder Brauerei bzw. die Störtebeker Braumanufaktur gehört zur Nordmann Unternehmensgruppe, die Getränkegroßhandel betreibt sowie einige Hotels und Brauereien besitzt.

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10 Antworten zu Prost, Piraten!

  1. Pingback: Kein Bier auf Rügen | Christian Buggischs Blog

  2. Athanasius Katz schreibt:

    Ich bin begeistert! Das hört sich allemal nach trinkbarem Bier an! Dein Artikel macht richtig Lust, das mal zu probieren, am neugierigsten wäre ich übrigens auf das Ale (Zaunpfahl-Alarm!). Und ich mag mich täuschen, aber so ein bisschen höre ich eine gewisse Bierfranken-Schule heraus: “charakterlose industrielle Bier-Plörre” kommt mir irgendwie bekannt vor :-)

  3. Sascha schreibt:

    .. und doch gibt es eine Brauerei auf Rügen, wenn auch sehr klein ;-)
    http://www.zur-linde-ruegen.de/die-brauanlage-gasthof-zur-linde-hotel-urlaub-middelhagen.html

    Gruß

  4. Athanasius Katz schreibt:

    Vielen herzlichen Dank für die Biertasche auf meinem Schreibtisch, Christian. Habe mir heute als Schlummertrunk das Pils gegönnt. Deinen Ausführungen ist nichts hinzuzufügen!

  5. Athanasius Katz schreibt:

    Mittlerweile habe ich auch das Kellerbier und das Atlantic Ale probiert. Das Kellerbier riecht und schmeckt wirklich öd. Und das Ale ist eines der besten norddeutschen Biere, die ich jemals getrunken habe. Von Minze und Gras kann ich zwar nichts erkennen, aber die eindeutige Holundernote kann ich voll und ganz nachvollziehen. Es ist wirklich originell, wie SEHR dieses Bier nach Holunder schmeckt. Hinweisen möchte ich noch auf den ausnehmend aromatischen Hopfen. Das Ale ist eine ganz feine Geschichte!!!

  6. Pingback: Schluss mit Mythenbildung! Blindverkostung mit sechs Münchener Bieren | bierfranken

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